Die Grenzen sind dicht, das Fernweh bleibt und unsere Tourenreviere im Ausland bleiben auf unbestimmte Zeit unerreichbar. Und doch führt dieser Tourentipp völlig legal über exterritoriales Gebiet …

Die Corona-Krise ist eine harte Zeit für Tourenfahrer. Dass man nicht einfach mehr den Schwarzwald, die Vogesen und auch die Freunde und Verwandten jenseits der Landesgrenzen besuchen kann, macht vielen zu schaffen. Für Kosmopoliten, wie ich einer bin, gehört die Idee offener Grenzen zur Grundausstattung. Doch zurzeit sind wir wegen der Corona-Krise sozusagen eine geschlosse Gesellschaft geworden. Es ist ein bisschen wie früher in der DDR. Ein Gedanke, der mir gar nicht schmeckt. Und so kam mir die Idee für einen Tourentipp, der trotz unüberwindbarer Grenzen völlig legal über exterritoriales Gebiet führt.

In die Hügel des Zürcher Weinlandes
Startpunkt des Grenzbereich-Tourentipps ist die Stadt Uster. ­Genauer gesagt das Schloss, welches als weithin sichtbares Wahrzeichen über der Stadt thront. Uster übrigens ist die drittgrösste Stadt des Kantons Zürich, eingebettet zwischen dem Greifensee in östlicher – und dem Pfäffikersee in westlicher Richtung. Entsprechend grandios ist deshalb auch der Rundumblick vom Schlossturm. Doch wir sind ja heiss aufs Fahren. Also geht es zunächst auf kleinen Strässchen über Fehraltorf, Kemptthal und Flaach rund um das verkehrsreiche Winterthur herum, hinein ins schöne Zürcher Weinland. Und zwar zur grossartigen Rheindoppelschleife mit dem ehemaligen Benediktinerkloster Rheinau auf der Insel mitten im Strom. Massig weitere lohnende Stopps warten in unmittelbarer Nähe: Auch der Rheinfall und das sehenswerte Schaffhausen sind nur ein paar Fahrminuten entfernt. 

Immer der verbarrikadierten Landesgrenze entlang
Umwege erweitern die Ortskenntnis: Im entspannten Kurven­swing geht es deshalb von Schaffhausen aus in einem nördlichen Bogen und immer der Landesgrenze entlang bis nach Thayngen und weiter zur verbarrikadierten grünen Grenze bei Ebringen (D). Soldaten und Polizei bewachen die Grenze. Ein unbehaglicher Hühnerhautmoment. Wo bleibt der europäische Gedanke, das Menschliche in der Corona-Krise? Das fragen sich viele Menschen beiderseits der «Corona-Mauer». Uns bleibt nur der U-Turn. Ein paar Kilometer weiter südlich trauen wir aber unseren Augen kaum. Ein deutsches Ortsschild taucht plötzlich auf …

Im Kanton Schaffhausen und doch im AuslandAls hätte der Landvermesser einen über den Durst getrunken oder der Soldat Läppli sich verlaufen: Doch hier, hoch oben im Norden, ist die Schweiz erst ein paar hundert Meter jung, da hört sie auch schon wieder auf. Ein gelbes Schild steht an der Strasse, darauf ein schwarzer Adler, umrahmt von den Worten «Bundesrepublik Deutschland». Ein Ort wie kein anderer, ein Flecken Deutschland mitten in der Schweiz, ganz und gar umschlossen vom Kanton Schaffhausen: Büsingen am Hochrhein, die einzige Exklave Deutschlands in der Schweiz. Auf der Landkarte ist das Dorf nicht mehr als ein winziger Punkt. Es liegt verloren da, fast so, als ob das ferne Berlin es vergessen hätte. So einen von der Schweiz eingeschlossenen Teil eines anderen Staates gibt es übrigens noch ein zweites Mal – ganz im Süden: Campione d’Italia gehört zu Italien, ist aber vollständig vom Kanton Tessin umschlossen. In beiden Enklaven ist der Schweizer Franken die Hauptwährung, und beide haben zweierlei Postleitzahlen und ­Telefonzellen. Doch zurück zum Tourentipp: Hinter Diessenhofen ist dann Schluss mit den Corona-Grenz­erfahrungen: Grünes Land, vereinzelte Bauernhäuser und kleine Dörfer dominieren die Landschaft auf dem Weg vorbei an Frauen­feld, hinein ins Zürcher Oberland und damit zum fahrerischen Highlight – zur «Bergstrecke» der Route. Durch Wiesen und Wald windet sich die Girenbadstrasse von Oberschlatt und stets steigend bis auf 740 Meter Seehöhe. Knapp unterhalb der «Passhöhe» lockt (nach dem Shutdown) der altehrwürdige Gasthof Gyrenbad mit einem Boxenstopp. Und am Ende der Tour, nach 205 Kilometern das erfrischende Bad im Greifensee.   


VERTRACKTE GRENZEN
Schaffhausen – Die Grenzen der Schweiz haben sich seit 1815 nicht verändert. Am Rhein kommt das deutsche Gebiet zu beiden Seiten sehr nahe an die Stadt Schaffhausen heran: Im Südwesten, bei Neuhausen am Rheinfall – ist das Ausland kaum drei Kilometer vom Stadtzentrum entfernt; im ­Osten – gegen Büsingen hin – sogar nur anderthalb.

AN DEN UFERN DES RHEINS
Diessenhofen – Enge Gassen prägen die mittelalterliche Altstadt, die übrigens die grösste im ganzen Thurgau ist. Der Grenzübergang nach Gailingen (D) ist leider auch gesperrt. Dennoch ist die Rheinbrücke – eine einspurige Holzbrücke – den Abstecher wert. 

SEHEN, ERLEBEN, MITNEHMEN
Uster – In der Sommer­saison kann das Schloss sonntags zwischen 14 und 17 Uhr besichtigt werden.


Kloster Rheinau – Kleinod im Zürcher Weinland. ­Einmalig ist eine Fahrt auf dem Fluss zum Rheinfall.


Schaffhausen – Über der mittelalterlichen Altstadt thront die imposante ­Festung «Munot».


Thayngen – die mit Betonpollern versiegelte Grenze nach Ebringen (D) macht nachdenklich.


Büsingen – deutsche Enklave und zahlreiche Badis am Rhein.


Girenbad – tolle Kurven-strecke mit weiten Aus­blicken in die Alpen.


Greifensee – romantischer und verträumter Ort, mit Schloss, Restauration und Badi.

Text und Fotos: Michael Kutschke
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